Burschen werden KFZ-Techniker und Mädchen Friseurinnen

Dieser Artikel wurde freundlicherweise von der LEHRLINGSBOX zur Verfügung gestellt.


Der Befund wird seit vielen Jahren durch die Statistiken gestützt. Burschen wählen technisch/gewerbliche Berufe, Mädchen eher Dienstleistungsberufe. So weit, so bekannt.

Warum sich Jugendliche auch im Jahr 2017 noch für geschlechtstypische Ausbildungen entscheiden, hat die Universität Graz untersucht. Ao.Univ.-Prof. Dr. Manuela Paechter vom Institut für Psychologie und  HS-Prof. Dr. Silke Luttenberger von der Pädagogischen Hochschule Steiermark gingen der Frage nach, wieso Mädchen und Burschen sich an klassischen Berufs- und Karrierewegen orientieren. In einer Presseaussendung der Uni Graz heißt es:

„Bei ihren Karrierevorstellungen orientieren sich SchülerInnen zunächst an ihrem sozialen Umfeld, in erster Linie an den Eltern“, haben die Wissenschafterinnen erhoben. Berufe, die aus der Familie nicht bekannt sind, werden im Regelfall erst gar nicht in Betracht gezogen. „Und sogar die Einschätzung des eigenen Könnens wird von Stereotypen geprägt“, präzisiert die Psychologin. Traut also der Freundeskreis einem Mädchen kein technisches Talent zu, zweifelt es selbst auch an seinen Fähigkeiten.

Berufswahl wird vererbt

Paechter geht sogar noch weiter. Die Berufswahl würde in gewisser Weise durch die Eltern bereits vererbt werden. Auch das soziale Umfeld sei entscheidend. Die Berufswahl funktioniert also wohl nach dem Prinzip: „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits 2014 veröffentlichten Luttenberger und Paechter zusammen mit Ertl und Aptarashvili einen Band in der Zeitschriftenreihe „Gruppendynamik und Organisationberatung“ (Springer Verlag) zum Thema. Im Editorial steht:

„Geschlechtsstereotype Einstellungen zu Fächern und Berufen sind dabei nach wie vor weit verbreitet. Durch Sozialisationsinstanzen (Eltern, Peers, Schule) werden häufig Geschlechtsstereotype reproduziert und bei der Entwicklung von Selbstwirksamkeitserwartungen, Interessen und Berufsentscheidungen gefestigt. Bereits im Schulbereich lassen sich geschlechtsbezogene Interessensunterschiede festmachen, die auch im Kontext beruflicher Interessen und in weiterer Folge geschlechtsstereotypen Berufsentscheidungen ihren Weg finden.“ (Luttenberger und Co, 2014, Seite 315)

Mit anderen Worten: Die Einstellung der Kinder und Jugendlichen zum Thema Schulfach, Berufsinteresse und Talent wird durch die Eltern, den Freundeskreis und die Schule geformt und gefestigt. Bereits in der Schulzeit kommt es je nach Geschlecht zu unterschiedlichen Interessen. Das Umfeld hat daher entscheidenden Einfluss auf die späteren beruflichen Entscheidungen der Kinder. Die Studienautorin gibt ein konkretes Beispiel: „Wir haben eine kleinere Gruppe von Jugendlichen interviewt, die dann etwa berichteten, dass sie sich schon als Kind mit dem Vater mit Baukästen beschäftigt haben oder dass die Väter und Mütter etwas aus der Arbeit mitgebracht haben, was mit dem Beruf zu tun hatte.“  (ORF Online)

Die Prägung bereits in der Volksschule

Laut Studienautorinnen komme die Berufsorientierung in der Schule eigentlich zu spät. Für die Studie wurden knapp 600 Jugendliche befragt, weit über 80 Prozent davon streben eine geschlechtstypische Lehrausbildung an. Die (Vor)urteile haben sich bereits verfestigt und auch das Selbstbild scheint bei den meisten Befragten  schon in eine bestimmte Richtung zu tendieren. Diese Erkenntnis ist einigermaßen neu. Nicht neu ist jedoch die Erkenntnis, dass es bei den Pflichtschulabgänger*innen an Wissen über die Berufswelt und die gebotenen Möglichkeiten der Lehrausbildung fehlt. Deshalb seien Initiativen wie „Girl’s und Boy’s Day“, die versuchen zukünftige Lehrlinge für atypische Berufe zu begeistern, nur für jene Schüler*innen interessant, die sowieso offen für Neues sind. Daher sollte man bereits früher ansetzen und einen spielerischen Umgang mit dem Thema wählen.

Talente frühzeitig „checken“

„Es geht uns keineswegs darum, Mädchen in die Technik und Burschen in den Sozialbereich zu drängen“, unterstreicht Manuela Paechter. Wichtig sei es, dass Jugendliche ihre Interessen kennen und ihre Talente frühzeitig erkennen würden.


Quellen:

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Fast ein Viertel der Wiener Lehrlinge fällt durch…

23,71 Prozent der Wiener Lehrlinge fielen 2016 bei der Lehrabschlussprüfung durch. Wien bekleidet damit im Bundesländerranking den zweiten Platz. Nur in Tirol fallen noch mehr Lehrlinge bei der LAP durch (24,71 Prozent). Die Lehrlingsstatistik, die von der WKO jährlich publiziert wird, wird von der Wiener Gratiszeitung gewohnt plakativ aufgegriffen. Bereits ein erster Blick in die Statistik zeigt, dass die Situation in Tirol und in Wien besonders dramatisch ist. In Ober-und Niederösterreich fällt „nur mehr“ jede/r Fünfte bei der Lehrabschlussprüfung durch. In Kärnten und in der Steiermark sind es knapp über 15 Prozent.

Ein genauer Blick auf die (Wiener) Statistik erscheint mir besonders wichtig. Tatsächlich ist es so, dass die Ergebnisse auch innerhalb der Branchen sehr stark auseinanderdriften. So weisen die „Überbetrieblichen Lehrausbildungen“ eine besonders hohe Durchfallquote auf. In Wien sind es immerhin 32,31 Prozent aller überbetrieblichen Lehrlinge, die bei der Lehrabschlussprüfung durchfallen. In der Sparte „Gewerbe und Handwerk“ sind es immerhin auch 32,67 Prozent (1.800 Lehrlinge wurden 2016 in Wien in dieser Sparte geprüft). Im Handel sind es hingegen „nur“ 18,24 Prozent und in der Sparte „Tourismus und Freizeitbetriebe“ lediglich 16,45 Prozent. Zusätzlich werden all jene, die zwar die Berufsschule absolvieren, jedoch nicht zur LAP antreten, erst gar nicht in der Statistik angeführt.

Die unterschiedlichen Ergebnisse zeigen, dass es gar nicht so leicht ist, eine eindeutige Antwort auf die Frage, wieso in Wien über 23 Prozent der Lehrlinge ihre LAP negativ benotet bekommen. Der Umstand, dass in einigen Branchen ein Drittel der Lehrlinge die Lehrabschlussprüfung nicht schaffen, zeigt, dass derzeit viele Dinge falsch in der dualen Ausbildung laufen. Der ÖGB sieht die Ursache in der schlechten Ausbildung durch die Betriebe, wo die Lehrlinge nur Kaffee kochen müssten, statt etwas zu lernen. Diese Ansicht wird jedoch durch das Angebot der überbetrieblichen Lehrausbildung alles andere als gestützt. Die „Überbetrieblichen“ mit ihren Stützkursen, Praktika und Lehrwerkstätten sollten ja geradezu der Garant für eine qualitativ hochwertige Lehre sein.

Woran liegt es also?

Die Ursachen sind komplexer. Eine Ursache für die vielen negativen Abschlüsse liegt vielleicht auch darin, dass in einigen Branchen die Gehaltsunterschiede zwischen gelernten und angelernten Kräften nicht allzu hoch sind. Man kann also auch „gutes“ Geld ohne LAP verdienen. Die Gründe liegen aber auch bei den Lehrlingen selbst. Viele sind einfach im falschen Job. Für etliche Lehrlinge ändern sich die Interessen während der Lehre. Man darf nicht vergessen, dass viele Lehrlinge als Teenager eine Lehre beginnen und als Erwachsene einen Lehrabschluss machen. Viele habe die Lehre aus den falschen Gründen begonnen („weil nichts anderes frei war…“, „weil die Eltern es so wollten…“) und einigen fehlt es am nötigen Talent. Viele Lehrlinge treten nur an, um einen Abschluss zu machen und sind eigentlich nicht mehr am Beruf interessiert. Und last but not least: Es gibt auch Betriebe, die ihre Lehrlinge schlecht ausbilden. Welche Gründe nun auch ausschlaggebend sind für das schlechte Abschneiden bei der LAP… Fakt ist: Zu viele Lehrlinge „verhauen“ ihren Lehrabschluss. Diese Lehrlinge fehlen als Fachkräfte in den Betrieben und ein Mangel an Fachkräften ist schlecht für die Unternehmen.

Aus all den genannten Gründen bringt es auch wenig den schwarzen Peter der einen oder der anderen Gruppe hinzuschieben. Mit einer besseren Orientierung der zukünftigen Auszubildenden und der Betriebe, einer genaueren Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen und einer guten Portion Aufgeschlossenheit für neue Wege im Lehrlingsrecruiting könnten wir den Trend, dass von Jahr zu Jahr immer mehr Lehrlinge ihre Abschlussprüfung sprichwörtlich in den Sand setzen, wieder umkehren.

 

dieser Artikel wurde zur Verfügung gestellt von der „Lehrlingsbox“

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Sind erwachsene Lehrlinge (k)ein Thema für österreichische Betriebe?

lehrstelleMit dieser Fragestellung startete ich eine Diskussion in der Gruppe Personal auf XING. Ich wollte wissen, aus welchen Gründen 20plus-Bewerber/innen in Österreich nur sehr schwer Lehrstellen finden. Die Statistiken sind absolut klar: Zirka 85 Prozent der Lehrlinge sind in Österreich sind unter 18 Jahr alt (Quelle:ibw/öibf -Forschungsbericht Jugendbeschäftigung in Österreich 2014-2015), wobei die Studie auch festhält, dass das Durchschnittsalter der Lehrlinge im ersten Lehrjahr von 15,9 im Jahr 2002 auf 16,6 im Jahr 2016 gestiegen ist. Dies ist ein Indikator dafür, dass die Lehrlinge älter werden. Neben diesen Zahlen, erschien mir vor allem die Tatsache, dass vielerorts über fehlende Fachkräfte lamentiert wird,  ein wichtiger Stein des Anstoßes eine solche Diskussion zu initiieren.
Allerdings muss ich vorwegnehmen, dass die Diskussion eher bei deutschen Kolleg/innen auf Gehör stieß und auch die Beteiligung an der Diskussion überschaubar blieb. Auch dies ist ein Ergebnis, das Raum zur Interpretation lässt.

… Fehler korrigieren dürfen…

Ich möchte dennoch die wichtigsten Argumente der Diskussion um Lehrlinge, die bereits einige Berufserfahrung aus Hilfsjobs mitbringen oder sich schlichtweg neu orientieren möchten, anführen.
So wie auch in anderen Diskussionen, abseits des Forums, wird das Argument der „Formbarkeit der Lehrlinge“ in die Waagschale geworfen. Man befürchtet, dass Lehrlinge, die schon einige Berufsjahre mitbringen, nicht mehr so formbar seien – respektive weniger lernfähig.  Hans-Peter Schulz warf diesen Evergreen in die Diskussion ein, um es im gleichen Tastenzug zu entkräften: „Aber ist ein Lehrling, der einen Fehler korrigieren will, bevor es zu spät ist, nicht genauso wertvoll?“
Ein weiteres Argument, das gerne angeführt wird: „Die bisherige Erfahrung muss passen.“ Dies ist im normalen Recruiting von Fachkräften sicherlich richtig. Bei Lehrlingen halte ich den Aspekt  Erfahrungswissen für wichtiger. Menschen, die zwei bis drei Jahre in unterschiedlichen Jobs Erfahrung sammeln konnten, lernten bereits Arbeitsabläufe, Kommunikationsprozesse, aber auch etwas über die persönlichen Grenzen.
Als positiv wurde angemerkt, dass der Umstieg in Österreich leichter sei.  Stefan Köppel drückte es wie folgt aus: „Sicher läuft im Leben nicht immer alles „geradeaus“. Ich persönlich habe allerdings auch erlebt, dass Österreich für Berufseinstiege und -umstiege wesentlich offener ist als z.B. Deutschland.“ Allerdings sind wir noch nicht so durchlässig, was Berufswechsel betrifft, wie es andere Länder sind – aber die Richtung stimmt. Ich denke, dass die Durchlässigkeit jedoch noch größer sein könnte. Aber es mehren sich in der Tat die Lebensläufe auf meinem Schreibtisch, in denen zwei Lehrabschlüsse aufscheinen.

Leidensdruck

Markus Kaminski legte den Fokus seines Beitrages auf die Form der Bewerbungen: „Das ist eine Frage des Leidensdrucks auf beiden Seiten. Wie viele Ihrer Schützlinge bekommen denn massenweise Absagen auf ihre Lehrstellenbewerbungen als Fleischer/Bäcker/Maurer/Schornsteinfeger? Zudem stellt sich die Frage, wie diese Bewerber ihr ehrliches Interesse an einer Lehrstelle in der avisierten Branche belegen können.“ Die Motivation der Bewerber/innen ist in der Tat nur eine Seite der Medaille. Es ist natürlich eine alte Lehre im Recruiting, dass Unternehmen ihre Anforderungen senken oder ändern, wenn sich zu wenig qualifizierte Bewerber/innen finden lassen. Als Personaldienstleister sehe ich das im Alltag: Je höher der Leidensdruck des Unternehmens, desto leichter bekomme ich Zugang. Die Reaktion in der Lehrstellenfrage scheint jedoch eine andere zu sein. Laut dem ehemaligen Lehrlingsbeauftragten der Bundesregierung Egon Blum ziehen sich immer mehr Betriebe zur Gänze aus der Lehre zurück, weil sie keine passenden Lehrlinge finden. Er wird in der Tageszeitung „Kurier“ zitiert:  „So haben von 2008 bis 2014 mehr als 7400 Lehrbetriebe in Österreich aufgegeben, die Lehrlingszahlen sind in diesem Zeitraum um mehr als 22.000 gesunken.“ Dies zeigt, dass die Lehrlingsdebatte sehr komplex ist. Leider verebbte die Forumsdiskussion zu rasch, was vielleicht auch auf die Fülle an Beiträgen in der Gruppe „Personal“ auf XING  zurückzuführen ist. Ich würde diese Diskussion jedoch gerne weiterführen und freue mich über entsprechende Posts und Kommentare.

Link: Diskussion zu Lehrstellen für erwachsene Lehrlinge auf XING

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