Lücken im Lebenslauf – kein Problem

… oder  die amerikanische Serie „Homeland“ zeigt uns wie eine Lücke im Lebenslauf ein wahrer Booster sein kann

Ich bin ja ein großer Anhänger der Theorie, dass Spielfilme und Serien – bei oder trotz aller Unterhaltung – durchaus wichtige Dinge für unseren Alltag zeigen. „Homeland“ taucht tief in die Welt der Spionage und der u.s.-amerikanischen Politik ein. Ohne zu sehr zu spoilern – für all jene, die die Staffel 6 von „Homeland“ noch nicht gesehen zu haben – möchte ich eine Szene herauspicken, die für unser Thema hier wahnsinnig spannend ist.

Carries (Claire Danes) Freund Max (Maury Sterling) will wissen, was es mit einem gewissen Start-Up auf sich hat. Er bewirbt sich deshalb als IT-Techniker bei diesem komischen Unternehmen. Man weiß nur, dass es sich um ein Start-Up handelt und dass das Unternehmen viele Menschen einstellt. Wir sehen, wie Brett O’Keefe (Jake Weber), der Host einer ultrakonservativen TV-Show und Chef des mysteriösen Unternehmens, das Bewerbungsgespräch in der Lobby des Bürogebäudes führt. Genug gespoilert: Die Szene ist einfach köstlich und zeigt uns, wie eine Lücke die Neugierde und das Interesse sogar verstärken kann.

Da wir natürlich diese Szene aus offensichtlichen Gründen nicht präsentieren dürfen, habe ich mich entschlossen, den Dialog hier zu transkribieren:

Handelnde Personen: Brett O’Keefe (Chef), eine strenge namenlose Dame (Recruiterin) und Max als Bewerber

Brett:  Was ist los? Was ist das Problem?
Recruiterin: Es gab einige Unstimmigkeiten während des Interviews. Ausweichendes Verhalten…
Brett: Bei was?
Recruiterin: Bei einer einjährigen Lücke in seinem Lebenslauf…
Brett: Wie erklärte er diese?
Recruiterin: Gar nicht…
Brett: Und warum führen wir dann dieses Gespräch?
Recruiterin: Weil es sich um jenen Lebenslauf handelt, den Sie als nahezu perfekt auswählten.
Brett: In Ordnung. Ich werde mit ihm sprechen…
(Brett drückt der Recruiterin seine Getränkedose in die Hand und geht zu Max, der auf einer Bank in der Lobby sitzt)

Brett: Max … Pee—trovski? …
(Max nickt)
Brett: Das ist mal ein Lebenslauf, Max. Hardware, Software, Sicherheitsfreigaben, dreifache Bedrohung, ich nehme mal an, dass es sich hierbei um PRISM handelt?
Max: Okay?
Brett: Für die CIA?
Max: Nein
Brett: Also wahrscheinlich kein unmittelbarer Angestellter…
Max: Ich halte die Politik nicht aus. Gerade jetzt…
Brett: Ich verstehe Sie, oh Gott, wie ich Sie verstehe… Also Max, hat sie Ihnen verraten, was das Problem ist?
Max: Sie hat nicht gesagt, dass es da ein Problem gäbe…
Brett: Oh doch, da ist eins… Hat sie Sie nicht nach dem fehlenden Jahr dort gefragt… Wollen Sie es mir nicht verraten?
Max: Nein
Brett: Nun dann sind wir bedauerlicherweise fertig…
(Max steht auf und geht Richtung Ausgang)

Brett: Max, bitte helfen Sie mir aus dieser Situation raus. Ich will nicht, dass wie hier so enden. Ich denke, dass Sie sehr gut hierhin passen würden. Aber Sie kennen das ja! Lücken machen Menschen nervös. Sie müssen wir da irgendwas geben!
Max: Es ist privat!
Brett: Wir wissen doch, Sie und ich! Nichts ist mehr privat, oder…
(Max greift zum Klemmbrett mit dem Lebenslauf und schreibt ein 2015:  „M + M“ in die Lücke im Lebenslauf.

Brett: M und M?
Max: Dieses Jahr von da an bis dorthin, verbrachte ich damit Meth zu rauchen und zu masturbieren…
Brett: Und was verursachte diese Talfahrt?
Max: Ich arbeitete… in Übersee… ich verlor jemanden, der mir wichtig war. Sie wurde getötet. Ich verbrachte dieses Jahr damit, mir zu wünschen, ich sei es gewesen…“
Brett: Sie warten hier.
(Brett geht zur Recruiterin zurück)
Brett: Gabel ihn auf, er wird uns verstärken…

Ausgangspunkt der Szene ist, dass die gestrenge Recruiting-Dame ihren Chef fragt, was sie mit dem Bewerber zu tun habe. Lücken sind offensichtlich ein Knock Out-Kriterium des Unternehmens, doch der Lebenslauf ist in den anderen Bereichen nahezu perfekt. Die Lücke verstärkt also das Interesse deutlich. Die Recruiterin ist unsicher, was sie tun soll und sucht den Rat ihres Vorgesetzten.

Der „Poker“ beginnt…

Brett O’Keefe befragt Max und will wissen, was es mit der Lücke auf sich hat. Max reagiert distanziert, nuschelt etwas von „privat“ etc. Der Poker beginnt. O’Keefe erklärt das Gespräch für beendet, Max dreht sich um,. O’Keefe holt ihn zurück. Schlussendlich füllt er die Lücke mit „M+M“ aus… der nächste Big Point für Max… Schlussendlich öffnet er sich und erzählt eine herzzerreißende Geschichte… Er wird eingestellt.

Worum geht es bei der ganzen Geschichte? Max, als Freelancer im Sicherheitsgewerbe und Auftragnehmer der CIA und anderen Diensten, ist ein Spezialist für Social Media, Programmierung etc. Er will unbedingt in besagtes Unternehmen hinein, weil er wissen will, was dort abgeht. Er präsentiert eine Vita, die so unwiderstehlich ist, dass man ihn nehmen muss. Die Lücke ist mit hoher Wahrscheinlichkeit bewusst platziert worden, um den allzu perfekten Lebenslauf zu brechen und davon abzulenken, dass hier etwas faul sein könnte.

Und auch seine Reaktion beim Gespräch ist toll. Er pokert hoch. Er ziert sich sehr lange und testet somit seinen Wert. Er macht sich somit noch interessanter… Auch bei der Erklärung der Lücke setzt er drei Schritte ein: Zuerst es ist „privat“, dann beharrt er darauf, dass es „privat“ ist und zum Schluss schreibt er ein kryptisches „M+M“ hin. Dadurch wird das ganze noch plausibler, noch menschlicher und noch besser.

Wie können Lücken also helfen

Voraussetzung ist, dass der Lebenslauf passt. Berufserfahrung, die nicht zur Ausschreibung passt und dies in Kombination mit Lücken: eigentlich ein Ausscheidungskriterium. Mit anderen Worten: Ihre Berufserfahrung sollte im Großen und Ganzen passgenau sein. Topf- und Deckel ist hier das Thema. Wenn dem so ist, ist eine Lücke verschmerzbar und macht eventuell sogar noch interessanter.

Wenn es keine Lücken im Lebenslauf gibt, sollte auch nicht unbedingt eine erfunden werden. Wenn Sie nahtlos von einem Job in den anderen gewechselt sind, dann ist das gut. Und keine Lücke der Welt, kann da irgend etwas verbessern. Damit kein Missverständnis entsteht: Ich will nicht dazu animieren, Lücken in den Lebenslauf einzubauen. Es geht mir darum, das Potenzial zu nutzen und Ihnen als Bewerber/in die Angst davor zu nehmen. Das Wichtigste ist: Seien Sie glaubhaft.

Vermeiden Sie die bloße Angabe von Jahreszahlen um Lücken zu kaschieren. Auch wenn wir es bei Max im Filmausschnitt sehen, dass auch er nur Jahreszahlen angibt, so ist dies selten günstig. Zum einen sind amerikanische Lebensläufe um einiges ausführlicher, was die Beschreibung der Berufserfahrung betrifft, zum anderen ist es bei uns so, dass die reine Angabe von Jahreszahlen automatisch auf eine Lücke schließen lässt. Wenn ich 2015 bis 2016 bei einem Unternehmen XY gearbeitet habe, dann können dies zwei Monate oder zwei volle Jahre sein. Also hier auch Mut zu Lücken, wenn die Jobwechsel nicht nahtlos waren.

Die Lücke sollte nicht allzu lang sein. Wenn die Lücke länger als ein Jahr dauert, wird es meist schwierig. Lücken sorgen für Neugier. Sie werden meist von den Recruiter/innen „negativ“ aufgefüllt. Mit anderen Worten: Die Recruiter/innen gehen davon aus, dass entweder eine längere Arbeitslosigkeit, eine Krankheit oder etwas ähnliches vorliegt. Lücken sind also per se nicht zu empfehlen – und müssen irgendwann erklärt werden.

Wenn Sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, dann wird die Lücke mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Thema sein. Das ist fast so sicher, wie die Tatsache, dass Obelix in den Zaubertrank gefallen ist. Die gute Nachricht: Ihr Lebenslauf ist so interessant für das Unternehmen, dass Sie eine Einladung bekommen haben.

Beim Vorstellungsgespräch empfehle ich daher, nicht sofort mit einer fertigen Geschichte rauszuplatzen. Das könnte einstudiert wirken und einen Boomerang-Effekt erzielen. Vor allem, wenn es sich um eine sehr persönliche Angelegenheit handelt, sollte man nicht sofort damit rausrücken. Lassen Sie sich ruhig ein wenig die Worte aus der Nase ziehen. Denken Sie an Max, der zunächst einmal mit „privat“ antwortet.

Aber Achtung: Es kann auch sein, dass ihr Gegenüber die Geduld schnell verliert. Wenn Sie nicht pokern wollen, dann rücken Sie relativ schnell mit der Geschichte raus. Um Ihr Unwohlsein und Ihre Menschlichkeit in den Vordergrund zu stellen, hilft vielleicht ein kleines Räuspern oder ein verbales „Nun ja… also…“ – und ein weiteres Räuspern.

Die Sache mit der Pflege

Vermeiden Sie Allerweltsangaben wie „sabbatical“ oder „Pflege eines Angehörigen“ – vor allem die Pflege wird in Lebensläufen so oft genommen, um Lücken zu kaschieren, dass man verwundert sein muss, dass es in unseren Breitengraden ein Pflegeproblem gibt! Auch wenn Ihnen dies jetzt pietätlos oder zynisch vorkommt… es ist leider eine Tatsache, dass die Pflege eines Angehörigen auch bisweilen empfohlen wird um eine Lücke zu kaschieren. Die Verlockung ist groß, da viele Bewerber/innen glauben, dass man es nicht nachprüfen kann… Daher wenn Sie ihre Angehörigen gepflegt haben, richten Sie sich auf Detailfragen ein, die Sie ja dann auch bravourös beantworten können.

Die Sache mit der Authentizität – oder ist Lügen absolut verboten?

Lebensläufe sind in der Regel geschönt. Das liegt alleine schon daran, dass wir uns kurz fassen müssen. Das Wort „Projektleitung“ kann viele Bedeutungen haben. Daher finde ich die Tipps, dass absolute Ehrlichkeit und Authentizität angebracht ist, etwas komisch. Wir wollen uns automatisch von unserer besten Seite darstellen. Das tun Bewerber/innen und Unternehmen gleichermaßen. Daher gilt für mich im Umgang mit Lücken das Motto:„Glaubhaft sein und abliefern können“. Wenn Sie noch nie einen Gabelstapler gefahren sind, dann sollten Sie sich der Tatsache bewusst sein, dass Ihre Kolleg/innen das sofort mitbekommen, wenn Sie das erste Mal auf den Bock steigen … und so ist es auch bei den Lücken. Wenn Sie eine Lücke mit einem Auslandsaufenthalt in den USA kaschieren und dann keine näheren Angaben zu Ihrem Aufenthalt machen können oder Ihr Englisch hundmiserabel ist, dann funktioniert das nicht: Glaubhaft sein und abliefern können – das ist daher das Um und Auf.

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